Umweltpädagogik

Mythen und Begriffe

Wildsäuger

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Begriffe

Fütterung Nesthocker

Im Video sehen Sie die Fütterung verschiedener hilfebedürftiger Wildsäuger 

„​Wenn man ein Wildsäugetier angefasst hat, dann nimmt es die Mutter nicht mehr an.“
DOCH! Bitte ZURÜCKSETZEN!

Dieser Mythos hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Tatsächlich nehmen die meisten Wildtiermütter ihre Jungtiere auch dann wieder an, wenn diese menschlichen Geruch an sich tragen. Die Muttertiere orientieren sich bei der Erkennung ihrer Jungen an einer Vielzahl von Sinnesreizen, wie z.B.  der Stimme, dem Aussehen und vor allem dem artspezifischen Geruch der Jungtiere, der durch Berührungen nicht stark verändert wird. Wildsäugetiere haben eine starke elterliche Bindung zu ihren Jungen, besonders in den ersten Lebenswochen. Bei vielen Wildsäugetieren besteht ein angeborener Drang, ihre Nachkommen zu schützen und zu versorgen, sie haben einen ausgeprägten "Mutterinstinkt", welcher den Fremdgeruch übertrifft.
Wenn Sie sich dennoch unsicher fühlen, können Sie das Jungtier, vor dem Zurücksetzen, mit etwas Gras abreiben.    
Viel wichtiger ist es, sich zügig und besonnen vom Jungtier zu entfernen, da die anderen Jungtiere und Elterntiere nicht gestört oder aufgeschreckt werden sollten und Ihre Anwesenheit von Fressfeinde bemerkt werden könnte.

Die Aufzucht von unverletzten Wildtieren durch die Elterntiere ist IMMER der Aufzucht durch Menschenhand vorzuziehen und eine unnötige Entnahme ist unbedingt zu vermeiden! 

Weisen die Tiere Zeichen von Hilfebedürftigkeit auf (siehe Säuger Leitfaden), sollten die Jungtiere an fachkundige Tierärzte/innen, fachkundige Personen oder eine Wildtierauffangstation übergeben werden. Wie dies idealerweise geschehen sollte, können Sie unter den "H.I.L.F.E." Kategorien nachlesen.

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der größten Wildsäugetier-Mythen !

1.
"Die Europäische Wildkatze ist eine verwilderte Hauskatze.“ 

Die Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris) ist eine eigene Art. Sie gehört zur Gattung Felis und stammt von Wildkatzen ab.
Die Hauskatze (Felis catus) stammt hingegen von der Afrikanischen Falbkatze (Felis silvestris lybica) ab, die im Nahen Osten und Nordafrika beheimatet ist.
Die Europäische Wildkatze ist eine eigenständige Art mit einer langen, unabhängigen Entwicklungsgeschichte, klaren morphologischen und genetischen Unterschieden sowie einem völlig anderen Verhalten und Lebensraum​.

2.​ 
„​Die Pflege von Wildtieren, welche es wie Sand am Meer gibt, lohnt sich nicht!"

Hier müssen zwei verschiedene Aspekte betrachtet werden. Aus Sicht des Arten- und Naturschutzes ist die aufwendige, zeit- und kostenintensive Pflege von Wildtieren, die nicht bedroht sind und welche es verhälnismäßig häufig gibt, nicht nötig, da die Aufzucht und Auswilderung für die z.B. Arterhaltung keine Rolle spielen. 
ABER: Aus moralischer und tierschutzrechtlicher Sicht haben alle Tierarten den selben Anspruch auf eine adäquate Hilfe und Versorgung! 
§ 1 Tierschutzgesetz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

3.
„​Fledermäuse verfangen sich in den Haaren von Menschen und saugen Blut“

Fledermäuse besitzen ein hochentwickeltes Echoortungssystem (Sonar), mit dem sie ihre Umgebung sehr genau wahrnehmen und Hindernissen – einschließlich des Menschen – geschickt ausweichen können. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich eine Fledermaus versehentlich in den Haaren eines Menschen verfängt.
In Deutschland und Europa heimische Fledermausarten sind Insektenfresser.  Diese Luftakrobaten jagen kleine und mittelgroße Insekten wie Mücken, Motten, Käfer etc. Sie ernähren sich nicht von Blut. Lediglich drei Arten aus Süd- und Mittelamerika ritzen Kühe, Schafe oder Ziegen leicht an - ähnlich einem Mückenstich bei uns Menschen - und nehmen das Blut als Nahrung zu sich.

4.
„​​Marder zerstören mutwillig Autos.“


Marder sind territoriale Tiere und markieren ihr Revier durch Duftmarken, erzeugt durch spezielle Duftdrüsen an den Pfoten. Wenn Sie nun mit ihrem Auto in das Revier eines anderen Marders fahren, wird  der dort ansässige Marder das Auto aufgrund der Duftspuren als fremd wahrnehmen. Gleichgeschlechtliche Tiere werden im eigenen Revier jedoch nicht geduldet und so werden die Duftspuren eines Konkurrenten kurzerhand “entfernt". Das Kauen auf Schläuchen kann ebenfalls dem neugierigen Naturell des Steinmarders entspringen. Zum Erkunden nutzen sie gerne ihre Zähne und kauen auf dem zu untersuchenden Gegenstand. Hinter einem Biss bzw. dem Zerkauen von Autokabeln steckt somit keine bösartige Absicht dem Fahrzeugbesitzer gegenüber.

5.
„​Die Hörner von Hirschen wachsen lebenslang.“

Unterschied Geweih und Hörner: Hirsche (Familie Cervidae) tragen Geweihe, keine Hörner! Geweihe wachsen jedes Jahr neu, während Hörner (wie bei Stein-, Muffel-, Gamswild) aus einem knöchernen Kern mit einer Hülle aus Keratin bestehen und permanent weiter wachsen.
Hirsche werfen ihre Geweihe jedes Jahr ab. Der Abwurf erfolgt in der Regel nach der Brunftzeit im Winter. Das neue Geweih beginnt im Frühjahr zu wachsen und wird dann während des Sommers vollständig ausgebildet. Während des Wachstums ist das Geweih mit einer gefäßreichen Haut überzogen, dem Bast (siehe Bild), welcher nach Beendigung des Wachstums "verfegt" wird.

6. 
„​Alle tagaktiven Igel benötigen Hilfe.“


Viele Igel, die im Herbst gefunden werden, sind durchaus in der Lage, den Winter zu überstehen. Igelmütter bekommen den letzten Nachwuchs teilweise erst im September. Die kleinen Igel suchen dann auch am Tag nach Nahrung, um sich zügig Winterreserven anzufressen. Nur wenn sie sehr untergewichtig sind oder krank wirken, Fliegeneier/Maden oder Verletzungen am Igel sichtbar sind, sollten sie in Pflege genommen werden. Igel sind in dieser Zeit sehr viel unterwegs, um ausreichend Nahrung zu finden, damit sie ein möglichst ideales Gewicht für den Winterschlaf erreichen. Der Insektenschwund sorgt dafür, dass für die Nahrungssuche mehr Zeit aufgewendet werden muss. Die milderen Winter ermöglichen eine länger Vorbereitungszeit auf den Winterschlaf. Siehe auch Leitfaden Igel!

7.
„​​Füchse sind gefährlich, weil sie Tollwut auf den Menschen übertragen.“

Die Tollwut ist in Deutschland seit 2008 bei Wildtieren, einschließlich Füchsen, ausgerottet. In Deutschland gibt es keine regelmäßigen Übertragungen auf Menschen oder Haustiere. Die wenigen gemeldeten Tollwutfälle stammen in der Regel aus dem Ausland, z. B. durch infizierte Tiere, die von Reisenden illegal eingeführt werden.
Tollwutfälle, die in Deutschland heute auftreten, sind extrem selten und betreffen hauptsächlich Fledermäuse, nicht aber Füchse oder andere Wildtiere.

8.
„​Wiederangesiedelte Luchse in Deutschland reißen regelmäßig Nutzvieh.“

Luchse sind spezialisierte Jäger von Rehwild und kleineren Wildtieren. Tatsächlich sind Angriffe von Luchsen auf Nutztiere sehr selten. Studien in Gebieten, in denen Luchse wieder angesiedelt wurden, zeigen, dass es nur in wenigen Einzelfällen zu Angriffen auf Schafe oder Ziegen kommt. In vielen Regionen, in denen der Luchs lebt, gibt es überhaupt keine Vorfälle mit gerissenem Vieh. Laut Monitoring-Daten aus Gebieten wie dem Bayerischen Wald und dem Harz gibt es nur vereinzelt Meldungen von Luchsangriffen auf Nutztierherden​.

 


Interaktives Tutorial "Wildtier gefunden, was tun?" für Öffentlichkeit und Einsatzkräfte - Copyright Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische - LMU München und Wildtierhilfe Bayern e.V.